migrationshintergruendig

Aber die Genozide

Posted on: 10.11.15 - Dienstag

Anna schrieb zu meinem letzten Beitrag:

So’n kleiner Genozid unter Freunden, das sind doch alles innere Angelegenheiten, oder?

Auch wenn mir der Tonfall widerwärtig ist, stellt Anna tatsächlich eine wichtige Frage. Und die verdient eine ausführlichere Antwort:

Ja, da könnte man als Weltgemeinschaft durchaus eingreifen. Wie gut allerdings diese Weltgemeinschaft funktioniert, hat man im Irak und im Kosovo gesehen und man sieht es auch jetzt in Syrien. So sät man, selbst guten Willen angenommen, mehr künftige Zwietracht, als man tatsächlich Probleme löst. Vorgeschobene Hilferufe und selbsternannte Weltpolizisten brauchen die Länder der Dritten Welt und des Nahen Ostens aber nun als allerletztes.

(Bürger-) Kriege und Pogrome dort sind meist gerade Folgen solcher Einmischungen, etwa Grenzziehungen, die auf die Kolonialzeit zurückgehen (Kurdistan, Israel), Eitelkeiten zwischen Bevölkerungsgruppen, die die ehemaligen Herren gezielt gepflegt haben (Indien, Ruanda) oder Verarmung ganzer Landstriche wegen Ausbeutung durch internationale Konzerne (Nigeria, Bangladesh) – oder eben die „Stabilisierung“ der Region durch amerikanische Waffen für den Irak, die nun dem IS dienen.

Nun kann man sagen: Gerade deswegen haben wir eine (historische) Verantwortung dort. Gerade deswegen kann man das alles doch nicht zulassen. Völlig richtig: Wir tragen da sogar einen großen Teil Verantwortung! Und ich sage: Gerade deswegen müssen wir jetzt überlegen, wie wir dieser Verantwortung nachhaltig gerecht werden können.

Die Menschen Europas mussten Demokratie und Freiheit langwierig und blutig erkämpfen. Exportversuche sind bisher stets gescheitert, weil sie immer mit wirtschaftlichen oder „geostrategischen“ Interessen verknüpft sind und daher zumindest unglaubwürdig, wenn nicht bloßer Vorwand – zumal sie ja seit 2001 auch hier immer mehr bröckeln. Ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Wie Europa um die Zeit der Aufklärung Jahren müssen auch diese Regionen jetzt ihren Weg finden – ob es derselbe ist, den wir gewählt haben: Wir werden sehen.

Wir, der sog. „Westen“, würden dieser Verantwortung besser gerecht, wenn wir mit äußerster Konsequenz alle Einmischungen „von oben nach unten“ unterbinden würden. Das heißt vor allem: Keine Waffen dorthin. Keine „uneigennützige“ Wirtschaftshilfe. Kein Kulturimperialismus. Nichts. Und wie Handelsbeziehungen aussehen könnten, habe ich ja schon im letzten Beitrag angedeutet. Und dann muss man auch darüber nachdenken, ob es eine gute Idee ist, dass die kräftigsten der jungen Männer sich nach Europa aufmachen und ihre Familien dort im Stich lassen. Nicht weil ich sie hier nicht haben wollte, sondern weil ich sehe, dass ihre Gesellschaft sie bitter bräuchte, um sich zu entwickeln. Aber vor allem erst mal das mit den Waffen. Für eine Übergangsfrist meinetwegen gerne noch konzertiere Aktionen der Weltgemeinschaft, um das Ungleichgewicht aufgrund importierter Großwaffen (Panzer, Raketen, Flugzeuge etc.) durch konsequente Zerstörung dieser auszugleichen. Und dann raus. Alle.

Was ich vorschlage, ist hart. Nicht nur für diese Regionen, sondern auch für uns, denn bisher haben wir alle von der Ausbeutung der Menschen und der Natur dort ganz gut gelebt, und wir würden eine Menge internationaler Konflikte auf uns nehmen müssen, um das durchzusetzen. Aber hundert Jahre anders hat gezeigt: Aufklärung und Menschenwürde kann man nicht verordnen. Das muss jedes* selber finden – oder etwas anderes, das dort richtig ist. Und wir tragen die Verantwortung dafür, es den Menschen in diesen Regionen zu ermöglichen.

___
* nein, nicht „jedes Volk“, sondern ein generisches Neutrum.

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